Die ausstellung

 Teil 2 

 Lesezeit: 8 Minuten 

Der Gast hatte sich eben noch gefragt, ob das Leben weniger einsam gewesen wäre, wenn es je eine Heirat gegeben hätte. Aber als der Blick auf das nächste Bild fiel, schüttelte er den Kopf. Es gab keinen Grund sich im Was-Wäre-Wenn zu verlieren. Denn die Wahrheit war glasklar, wie die Fenster, die den Kubus umgaben und in deren Spiegelung der Gast sich jetzt ansah: Das Ballett war nicht nur Lores einzige Liebe gewesen. Es war die einzig Wahre gewesen. Der Gast betrachtete seine Spiegelung in der Glasscheibe und fuhr sich langsam über die Falten in seinem Gesicht. Man konnte die Zeit nicht zurückdrehen und es war doch auch gut so wie es war. Aber wie groß war nur der Wunsch einmal noch jung zu sein. Einmal noch in der Welt der jungen Lore zu leben. Am nächsten Foto sah man sie mit dem Rücken zur Kamera, das grelle Bühnenlicht erstrahlte das Publikum. Alle waren auf ihren Beinen, jubelten ihr zu, Rosen lagen zu Lores Füßen. Dem Gast war es, als könnte er die Zurufe förmlich hören. Den Applaus, die Wärme und Begeisterung, die den Saal füllte. Er konnte es sich genau vorstellen, wie Lore danach hinter den Vorhang treten würde, in den verschwitzten Armen ihrer Kolleginnen landen würde, irgendwo würde ein Sektkorken knallen. Das Ballett verlangte Ausdauer und Disziplin und nur selten ließ es ausschweifende Feste zu. Nur selten an vereinzelten Premieren und wenn, dann entstanden dabei rauschende Bilder, wie diese, die heute in der Galerie hingen. Dann schien das Leben der Lore so glamourös und unnahbar, dass man die Fotos in irgendeiner Zeitschrift sehen würde und sie in den Köpfen der Leute zu einer Grande Dame avancierte, nicht länger eine einfache Frau, nicht länger nur eine Ballerina, nein, eine Ikone. Das waren die Momente in Lores Leben, die sie zu einem Mythos gemacht hatten. Die auch heute noch junge Menschen anzogen, um vor schwarz-weiß eingefangene Momenten, die schon fünfzig Jahre lang nicht mehr wahr waren, zu stehen und zu staunen. Niemand sah die volle Wahrheit. Niemand sah die zahlreichen Absagen, die Lore als junges Mädchen von den verschiedensten Akademien erhalten hatte. Niemand sah die blutigen Füße, die Lore peinigten während sie stundenlang trainierte. Niemand sah die Tränen in den Augen, während der Arzt Lore mitteilte, dass sie nach all den Jahren des Leistungssports so schwer geschunden war, dass sie es nicht einmal mehr als Ballettlehrerin für kleine Kinder tun würde. Niemand sah all das. Der Gast ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Dort standen sie alle, die Besucher, in schicken Cocktailkleidern und Anzügen, in der einen Hand einen Aperitif und in der anderen ein Handy, mit dem sie Selfies vor Lores Fotos machten. Aber wer konnte es ihnen denn verübeln? Wer würde nicht Teil sein wollen dieser wenigen Jahre in Lores Biografie, in denen sie mehr erlebt und mehr gelebt hatte als in all den Jahren davor oder danach? Auch der Gast wollte das, als er sich den Weg bahnte zur letzten Wand, die das finale Kunstwerk zeigte. Diesmal war es kein Foto. Der Gast griff nach einem weiteren Champagnerglas, das eine Kellnerin vorbeitrug und wurde kurz von einem jungen Pärchen aufgehalten, das sich unbedingt vorstellen wollte. Ein, zwei Sätze wurden ausgewechselt, dann stellte sich der Gast vor dieses allerletzte Ausstellungsstück. Von hinten brummte ein Beamer von der Decke und warf sein Licht gegen das kalte Weiß der Wand. Und da war sie. Die Lore, so wie sie noch heute in der Erinnerung des Gasts lebte. Die Lore, nach der sich der Gast täglich in Tagträumen verzehrte. Es war ein Zusammenschnitt von mehreren Videosequenzen. Lore, wie sie ein Paar Spitzenschuhe für ihre agilen, jungen Füße konzentriert auf den Boden schlug, um das brandneue Schuhwerk soweit zu lockern, wie sie es präferierte. Lore, wie sie ihre Hand mit geschlossenen Augen durch die Luft wedelte und in ihrem Kopf Tanzschritte durchging, während eine Frau ihr Rouge auf ihre runden, jungen Wangen pinselte. Lore, wie sie im Tutu über die Bühne des Royal Opera House in London schwebte, in die Luft gehoben von einem ebenso talentierten, jungen Mann, der eine Zeit lang ihr Liebhaber gewesen war. Lore, wie sie dem Applaus entgegenstarrte, eine Träne in ihren feurigen, lebensbejahenden, jungen Augen. Lore, wie sie nach einer Premiere leicht angeschwipst das Gebäude verließ, Hand in Hand mit einer Freundin, und ihren straffen, jungen Körper in einem Hauch von Nichts an der Kamera vorbeistolzieren ließ. Die Kamera kam Lore näher, bis nur mehr ihr Gesicht zu sehen war. Ein kokettes, aber unnahbares Grinsen breitete sich über ihren Wangen aus, die leuchtenden Augen bohrten sich in die Kamera, bohrten sich in den Gast auf der anderen Seite der Videowand. Der Champagner sprudelte auf der Zunge des Gasts, während er sich das Video immer und immer wieder ansah. Was für eine Frau. Was für ein Leben. Und dann als Lore der Kamera einen Kuss zuwarf und danach langsam in der Ferne verschwand, beschloss auch der Gast zu gehen. Mendelsson schüttelte zum Abschied die Hand, die Schiebetüren öffneten sich und der Gast trat hinaus in die kalte Dezemberluft. Über dem Eingang leuchtete das Schild und verkündete:

LORE LEGEN

Frau ● Ballerina ● Ikone

Aber der Gast drehte sich nicht danach um. Es war ja nicht so, als ob der Gast Lore hier zurücklassen müsste. Lore war immer bei ihm. Tief im Innersten des Gasts, dort tief drin war Lore nie gealtert. Da ist sie nie verschwunden, da lebte und tanzte sie immer noch. Es war spätnachts, als der Gast in ein Taxi stieg, das ihn heimfuhr. Die Handyuhr leuchtete grell durch das Dunkel und zeigte 23:45 an. Der Gast stand wenig später in einer Straße von opulenten Stadthäusern und öffnete ein Eisentor, das nach Hause führte. Neben der Klingel am Tor stand ein Name geschrieben. Hannelore Legenstein. Nur dieser Name, nicht mehr. Kein „Frau“. Kein „Ballerina“. Kein „Ikone“. Am Ende des blumengesäumten Weges wurde die schwere hölzerne Haustür aufgesperrt und der Gast war endlich zuhause. Mantel und Tasche wurden abgelegt, im Bad wurde der Dutt gelockert, eine Frisur, die noch eine Angewohnheit von früher war. Wenig später wurde die Tür zum Schlafzimmer geöffnet und die Bettdecke zurückgeschlagen. An der Wand gegenüber säumten Preise und alte Fotos in schwarz-weiß das Regal. Dort war das Bild, an das Hannelore sich am liebsten erinnerte. Es zeigte sie, damals in der Blüte ihres Lebens, als sie – die große Lore Legen – an der Mailänder Scala getanzt hatte. Die Decke zog sie im Foto über sich, so wie jetzt in ihrem Schlafzimmer, nur war sie damals nicht alleine gewesen. Ein junger Mann hatte hinter der Kamera gestanden und den Auslöser gedrückt. Hannelore schmunzelte. Was für eine Nacht es nicht gewesen war. Der Mann hatte kurz darauf um ihre Hand angehalten, aber sie hatte abgelehnt. In ihrem Herz hatte es damals keinen Platz gegeben für etwas anderes als das Tanzen. Manchmal dachte sie noch an den Mann von damals, der einzige von all den unzähligen, der sie je tatsächlich interessiert hatte. Und dann fragte sie sich, was anders gewesen wäre, wenn es eine Heirat gegeben hätte. Wäre das Leben weniger einsam gewesen? Aber Hannelore schüttelte den Kopf und sah aus den geschlossenen Flügelfenstern, hinter denen sich die charmanten Häuserzeilen der Stadt erstreckten. Die Wahrheit war glasklar: Ihre einzige wahre Liebe war das Ballett gewesen. Ihre einzige wahre Liebe war sie selbst gewesen.

 ende 

©2020 Chiara Gerngrosz

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