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Die ausstellung

 Teil 1 

 Lesezeit: 10 Minuten 

Es war Nacht, als der Gast aus dem schwarzen Taxi stieg, das ihn hierhergebracht hatte. Die Handyuhr leuchtete grell durch das Dunkel und zeigte 20:35 an. Der Gast war zu spät, aber wurde das von den wichtigen Leuten nicht erwartet? Ein eisiger Wind fegte durch den kalten Dezemberabend, der Gast zog seinen Mantel enger und schritt langsam über die Pflastersteine. Der Weg führte durch ein großes Museumsviertel, das mit dem Auto nicht befahrbar war. Laternen in spitzem, modernem Design erleuchteten das Areal. Nach ein paar Minuten war der Eingang des Gebäudes zu sehen, ein geradliniger Kubus, der auf allen Seiten verglast war. Der Gast ging die letzten Schritte darauf zu und blickte hoch zu dem beleuchteten Schild, das über dem Eingang befestigt war.

LORE LEGEN

Frau ● Ballerina ● Ikone

 

Das kündigte der fettschwarze, aber geschmackvolle Schriftzug an. Der Gast atmete tief durch. Auch nach all den Jahren begleitete die Nervosität jede wichtige Veranstaltung. Nicht so bei Lore. Der Gast blickte noch einmal nach oben, auf den klingenden Namen, der früher die Titelblätter der Kulturzeitschriften eingenommen hatte. Lore war nie aufgeregt gewesen, Lore war professionell gewesen und sie hatte die Aufmerksamkeit geliebt. Sie hatte es nicht erwarten können auf die Bühne zu stolzieren und alle Augen bloß auf sich zu ziehen. Ein weiterer Atemzug, dann schritt der Gast vor und die Schiebetüren öffneten sich. Schwanensee tanzte aus den Lautsprechern, die an den grellweißen Wänden der Halle befestigt waren. Aber es war nicht die Originalmelodie, die jeder kannte und zu der Lore früher getanzt hatte. Es war eine überarbeitete Version, langsamer und sanfter, fast schon zu Fahrstuhlmusik verkommen. Ein Mann um die fünfzig mit braunem Haar und hellblauem Slim-Fit-Anzug lief auf den Gast zu. Händeschütteln folgte und zahlreiche Blitze aus der Kamera des Fotografen.

„Vielen Dank, dass Sie kommen konnten“, begrüßte der Mann.

Der Gast lächelte den Herren an, mit dem er im Vorfeld zur heutigen Veranstaltung über die letzten Wochen in regem E-Mail-Kontakt gestanden hatte. Es war der Kurator der Ausstellung, sein Name war Moritz Mendelsson.

„Ich hoffe, Sie werden von der Auswahl der Bilder ebenso begeistert sein wie ich.“

Der Gast ließ seinen Blick durch den Kubus schweifen, in dem Trennwände aufgestellt worden waren an denen schwarz-weiße Motive hingen.

„Ich danke Ihnen für die Einladung“, entgegnete der Gast, „Ich bin schon äußerst gespannt, muss ich gestehen. Ich werde wohl nicht umhin kommen in Erinnerungen zu schwelgen.“

Mendelsson reichte ein Glas Champagner weiter und streckte es vor, um anzustoßen. Der Gast nahm die Sektflöte entgegen und erneut blitzte das Licht einer nahen Kamera auf. Ein Schluck von dem alkoholhaltigen Getränk beruhigte die Nerven ein wenig. Der Gast war nicht mehr so jung wie er es einmal war und abgelichtet zu werden erinnerte ihn stets daran. Vor allem hier, wo er von all den Fotos von früher umgeben war. Von all den Fotos von Lore. Der Gast trat langsamen Schrittes auf die erste Wand zu, augenblicklich gebannt von den schwarz-weißen Momenten, die dort eingerahmt zur Schau gestellt wurden. Diese alten Fotos machten die verlorenen Jahre noch viel schmerzlicher klar, aber gleichzeitig zogen sie den Gast zurück in eine längst vergangene Welt. Lore. Die junge Lore. Die Balletttänzerin. Das erste Foto zeigte sie bei einer ihrer ersten Proben in der Staatsoper, als sie gerade erst ein Engagement dort bekommen hatte und noch nicht zu träumen gewagt hatte, dass sie bald zur Solistin aufsteigen könnte. Lore war vielleicht siebzehn Jahre damals, der Mund war zu einem unbeschwerten Lachen geöffnet, die Zahnlücke zu sehen. Die Augen, wenn auch nicht in Farbe, zeigten die Freude und den Hunger auf das Leben, das sie erwarten würde. Das dunkle Haar fiel ihr in die Stirn, während sie mit beiden Händen begann es zu einem Dutt zu wickeln. Der Gast hob eine Hand wie um ihre Wange zu streicheln, bevor er sich der Galerie, in der sie sich befanden, wieder bewusstwurde. So unerfahren war Lore damals gewesen und doch war sie in nur ein paar Jahren zu der hart arbeitenden, charismatischen und weltberühmten Tänzerin geworden, an die man sich heute erinnerte. An die der Gast sich am liebsten erinnerte. Es verging kein Tag, an dem die Gedanken nicht zu dieser wundervollen Frau wanderten. Besucher der Ausstellung stellten sich plötzlich neben ihn, zwei Frauen Mitte vierzig, und begannen ein kurzes Gespräch mit ihm. Ein paar schnelle Worte, dann ging der Gast einige Schritte weiter – vorbei an weiteren Portraits einer immer erwachsener werdenden Lore – und schon war es vor ihm. Das liebste Bild von damals, ausgewählt aus der persönlichen Sammlung des Gasts, zigmal vergrößert sodass es fast die ganze Wand füllte. Wieder sah man Lore von vorne, doch diesmal war sie nicht länger ein Kind, sondern sie war bereits Lore Legen, die Prima Ballerina. Das Haar war zerzaust, das Dekolletee freigelegt und der Beginn der Brüste, die am Motiv noch zu sehen waren, wurde mit einer weißen Bettdecke verhüllt. Der Blick war ein neckisches Schmunzeln, die Augen leicht zusammengekniffen, aber sie gaben dennoch so viel von der Persönlichkeit dahinter frei. Die Stärke, die Haltung, die pure Lust, die Lore nicht nur zu einer Meisterin ihres Faches, sondern vor allem zu einer Ikone werden haben lassen. Im Hintergrund des Bilds konnte man ein ungemachtes Bett sehen und ein Fenster mit geöffneten Flügelbalken. Dahinter erstreckten sich die charmanten Häuserzeilen Italiens. Der Gast lachte in sich hinein, so genau konnte er sich noch daran erinnern, als das Foto geschossen wurde. Lore war für ein Jahr an der Mailänder Scala verpflichtet worden, ein Traum, der für sie in Erfüllung gegangen war. Die Hauptrolle in Romeo & Julia durfte sie tanzen, im jahrhundertealten Opernhaus zu den Klängen eines der weltbesten Orchesters. Da, am Morgen nach der Premiere, war das Bild entstanden. Eine Lore, am Höhepunkt ihrer Karriere, das Gesicht faltenfrei, die Augen voll Energie und der Körper am Zenit seiner tänzerischen Leistung. Und hinter der Kamera war ein ebenso junger Mann gestanden und hatte den Auslöser gedrückt, nach einer Nacht voll Sekt und Liebe. Der Gast schmunzelte. Was für eine Nacht es nicht gewesen war.

„Verzeihung.“

Es war Mendelsson, an der Hand eine rothaarige Dame in feinem Abendkleid und gutmütigem Lächeln.

„Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen? Sie war mir eine große Stütze in der Konzeption dieser Ausstellung.“

Der Gast schüttelte die Hand der Fremden und verlor sich in ein wenig leichter Unterhaltung mit ihr.

„Sie haben ja nie geheiratet, richtig?“, fragte Mendelsson dann und der Gast verneinte, bevor das Ehepaar sich aufmachte, um weitere Besucher zu begrüßen.

Nein, der Gast hatte nie geheiratet. Der Gast ging zurück zu dem Portrait von vorhin und dann ein paar Schritte auf die andere Seite der Trennwand. Dort sah man Lore von weiter weg, auf dem Tisch mitten in irgendeiner Bar, ein Weinglas in die Höhe gestreckt und das viel zu kurze Kleid hochgerutscht, sodass man den Ansatz ihres Pos erahnen konnte. Eine Freundin aus der Kompanie stand neben ihr, den Arm um sie geschlungen, und heruntergebeugt, um jemandem etwas zuzurufen. Um den Tisch waren Feierwütige versammelt, Frauen, Männer, Kellner, die längst nicht mehr bedienten, sondern mittranken. Unzählige der Männeraugen waren auf die berühmte Balletttänzerin gerichtet, die Hände nach ihr ausgestreckt, fast so als wäre sie ein Popstar. Lore hatte Heiratsanträge bekommen, rechts und links. Sie hatte so viele Liebeleien gehabt und mehr Affären noch. Oft hatte sie mehrere Verehrer zur gleichen Zeit bei der Stange gehalten und noch öfter hatte sie den Ehemännern ihrer Ensemblekameradinnen ein warmes Bett geboten. Das war nicht immer richtig und ging nicht immer gut aus, aber Lore war jung und wild und von allen geliebt. Die Affäre mit einem Ehemann hatte etwas von Stabilität, jeden Montag und jeden Mittwoch erfanden die Männer Sportveranstaltungen zu denen sie verschwanden und fanden sich bald daraufhin über Lore wieder. Und die Affäre mit einem Ehemann war eine sichere Sache, denn anders als bei ihren anderen Liebhabern musste sie keine Heiratsanträge abwimmeln. Nein, bei verheirateten Männern konnte sie frei und ungebunden sein, denn genauso wollten die Herren sie auch. Und wenn ihr die Lust verging, gingen die Männer zurück zu ihren Frauen und Lore zurück zu ihrem nächtlichen Tanztraining. Ohnehin, zu bunt hatte die Prima Ballerina es nie getrieben. Es waren ein paar geteilte Nächte im Jahr, die sie meist an zwei Händen abzählen konnte. Lore suchte ihre Liebe nicht in den Männern, sie suchte sie im Ballett. Und dort hatte Lore sie auch gefunden, für all die Jahre in denen sie tanzen durfte, von den Kritikern gefeiert wurde und in den Opernhäusern der ganzen Welt zuhause war. Der Gast spürte wie seine Stimmung sank und betrübt drehte er sich um zu einer neuen Wand mit neuen Bildern. Lore im Tutu, den Fuß auf einer Ballettstange, den Rücken so weit nach hinten gebeugt als ob sie eine Schlange und kein Mensch wäre. Jahre später, auch nachdem das Alter Lores Glieder steif hatte werden lassen, die Zehen zerschunden waren und die Solos längst an jüngere Tänzerinnen vergeben wurden, hatte sie nicht geheiratet. Neben dem Foto war ein Zitat aus LED-Lichtern installiert, das in pinker Neonfarbe in den Raum blinkte.

Das Tanzen ist mein Leben. Nur hier schlägt mein Herz.

Nur hier bin ich ganz.

 

Der Gast las diesen Satz, immer und immer wieder. Es war Lores Wahrheit. Sie hatte sich auch in all den Jahren nach ihrer Karriere nicht vorstellen können, dass etwas – oder jemand – sie je so erfüllen könnte wie das Tanzen. Der Gast seufzte. Nicht einmal der junge Mann, mit dem sie damals die Nacht in Mailand verbracht hatte, hatte sie umstimmen können. Mit dem letzten Schluck seines Champagners fragte sich der Gast was anders gewesen wäre, wenn es nur eine Heirat gegeben hätte. Wäre das Leben weniger einsam gewesen?

 Fortsetzung folgt...