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der herbstsommer

 Teil 1 

 Lesezeit: 15 Minuten 

Deutsch-Südwestafrika, 1913

Es war Herbstsommer. Sie spürte es. Die Ernte war vorbei, die großen Flächen der Äcker leer und umgebaut. Nur das Korn stand noch an manchen Stellen. Stand und saugte den letzten Rest der Sonne in sich auf. Schien und schimmerte in den hellsten Brauntönen, ja fast schon gold. Wenn sie früher hindurch gelaufen war – schnell, so schnell, dass es ihr fast die Füße unter sich wegzog – dann war das Korn nur ein heller Blitz gewesen, der an ihr vorüberzog. Das Feld war dann weiß gewesen neben ihr. Blond. Unermüdlich waren die Ähren gegen ihre Hände geschlagen, hatten leichte rote Spuren auf ihrer zarten, unbesorgten Haut hinterlassen. Aber es war egal gewesen, wenn sie gespielt hatten. Die Narben waren egal gewesen. Der Schweiß war egal gewesen. Solange bis ihre Gouvernante sie gefunden und gezüchtigt hatte. Doch die lauten Ermahnungen hatten in ihren Erinnerungen an damals keinen Platz. Das Korn, nur das Korn hatte dort Platz. Wenn sie es einmal noch berühren könnte. Es würde nicht hart sein, nicht kratzen. Nein. Die blonden Ähren würden weich durch ihre Finger gleiten. Etwas strubblig vom langen Tag, aber warm von der Sonne am Feld. Stets ein wenig zu lang gewachsen oder ein wenig zu kurz geschoren. Stets ins Gesicht fallend, das Gesicht mit den blauen Augen.

Es war Herbstsommer. Franz wusste das. Er wusste es immer. Es war immer dann, wenn Charlotte tagelang aus dem Fenster starrte. Es war Herbstsommer, aber nicht bei ihnen, sondern dort. Dort, das war daheim. Dort wo die Jahreszeiten wechselten. Niemals war Herbstsommer bei ihnen. Vor ihnen erstreckten sich keine Felder, kein Korn. Vor ihnen lag die Steppe, hinter ihnen lag die Steppe. Die Sonne war nicht weichend, sie war glühend. März könnte August sein und August könnte Dezember sein. Das Einzige, das sich änderte, war der Himmel. Er kannte nur zwei Zustände: Den strahlenden Sonnenschein oder den tosenden Regen. Wolkenfreies Blau oder trübes, trauriges Grau. Afrika würde ihr gefallen, hatte Franz ihr immer versprochen. Franz hatte daran geglaubt. Afrika war immerhin ganz wie seine Charlotte. Immer sonnig, immer schön. Und er hatte Recht behalten. Sie mochte es hier. Sie mochte das Haus, groß und ganz ihres, mit eigenen Mägden und Zofen. Sie mochte die Tiere, die so exotisch waren, dass sie es zu Beginn kaum gewagt hatte aus dem Geländewagen zu steigen. Nun tat sie dies stets, an den seltenen Wochenenden an denen Franz tatsächlich zuhause war. Dann reichte er ihr seine Flinte und sie drückte ab. Ihre Vögel säumten daheim dann die Wände, stolze Zeugnisse ihrer Furchtlosigkeit. Tapfer, wie es die Winterfelds nun einmal waren. Nur sagte man dies den Männern nach, nicht den Gattinnen. Franz verstand es nie ganz, wieso eine Frau denn jagen wollte. Franz verstand Charlotte nie ganz. Nur eines verstand er mit Sicherheit und das waren ihre Launen, wenn im fernen Zuhause der Herbstsommer kam. Dann wich die Sonne aus Charlottes Gemüt und stattdessen taten sich Wolken auf, schwer und über dem gesamten Heim hängend. Tage verbrachte sie am Sofa am Fenster, hinausstarrend. Bei Tisch war sie nie ganz aufmerksam, konnte ihm keine Antwort geben, die einen vollen Satz bilden würde. Immer sah sie an ihm vorbei, wie in eine andere Welt. Als ob Franz nicht da wäre. Als ob es eine Welt für sie gab, ganz ohne ihn.

„Es ist Herbstsommer“, sagte sie auch heute wieder, als das Fleisch serviert wurde und Franz nickte.

Die beiden saßen sich gegenüber, wie jeden Abend, wenn er denn nicht auf Reisen war. Es war die zweite Woche jetzt, in der Charlotte die nächtlichen Gespräche mit diesem Satz begann. Ein, zwei Tage noch, dann wäre es wieder vorüber. Sie hatte diese Phase jedes Jahr. Diese Wochen, an denen sie sich verlor. Und jedes Jahr ging es auch wieder vorbei und Charlottes Augen wurden ein wenig härter, aber dafür klärten sie sich. Wurden wieder ganz und rückten ihren Ehemann erneut in den Fokus.

„Ganz recht“, sagte der, „Es ist Herbstsommer. Aber nicht hier, Liebes.“

Er beugte sich über sein Abendblatt und las den Leitartikel, während er kaute und Charlotte beugte sich nach vor, auf den Tisch, bis ihr Kinn ihren aufgestützten Arm traf. Dann starrte sie ihn an. Nicht Franz.

„Nicht hier“, murmelte sie, „Nein, Zuhause.“

Und am Sims der Kommode hinter ihrem Ehemann stand er. Stattlich und doch bübisch. So viel älter, als an jenem gestohlenen Nachmittag im Herbstsommer. Er stand da, Arm in Arm mit Franz, für immer festgehalten in einem Foto. Für immer zu weit fort von ihr. Der Bilderrahmen war golden, als wäre der hagere und doch so starke Mann dort in einem Käfig gefangen. So wie sie gefangen war. Immer dann, wenn der Herbstsommer kam, dann fühlte sie sich so. Als ob sie hier nicht richtig wäre. Als ob sie irgendwo entlang des Weges eine falsche Abzweigung genommen hätte. Verlobung, Hochzeit, Umzug. Ihre Jugend war vorbei, die kindlichen Traumfelder leer und ihre Erwartungen umgebaut. Nur das Korn stand noch an manchen Stellen. Stand auf ihrer Kommode und piekste sie, wenn die Sonne sich im Bild fing. Das Foto schien und schimmerte dann in den hellsten Goldtönen, ja fast schon blond. Wenn sie früher auf ihn getroffen war – nicht Franz, sondern Henrik, der Mann der ihr die Füße unterm Boden wegzog – dann war er immer nur ein heller Blitz gewesen, der an ihr vorüberzog. Nie war er stehen geblieben, hatte sich getraut stehen zu bleiben. Nie hatte er innegehalten und es gewagt ihr näher zu kommen. Nur einmal. Einmal im Kornfeld. Unermüdlich hatte sein Mund den ihren gefunden, hatte unwiderrufliche pulsierende Spuren auf ihren zarten, unerfahrenen Lippen hinterlassen. Einmal nur, ein einziges Mal nur. Es war im Herbstsommer.

 

Ein paar Wochen später

Charlotte hatte es sehr wohl gewusst. Dass er kam. Hierher zu ihnen. Nicht länger ihr Hirngespinst, das sie fest mit Zuhause, mit Früher verband. Sondern ein echter, lebender Mann hier bei ihnen unter der sengenden Sonne Afrikas. Franz hatte es ihr vor ein paar Wochen schon gesagt. Er war fast gesprungen, so aufgeregt war er gewesen vor Freude.

„Henrik kommt, Henrik kommt“, hatte er skandiert, „Mein Henrik, mein guter alter Henrik!“

Und Charlotte hatte ihn umarmt und sich mit ihm gefreut. Dass Franz seinen ältesten Freund wiedersehen würde. Dass er ein Stück Heimat und Kollegialität bekommen würde, dass er seine rigiden und langen Arbeitstage in Zukunft unter freundschaftlicher Gesinnung verbringen würde.

„Wie schön, dein Henrik kommt“, hatte sie gelacht, aber eigentlich hatte sie bei sich etwas ganz anderes gedacht. Wie schön, mein Henrik kommt. Mein Henrik.

Es war ihr Henrik. Ihrer. Nur, das wusste Franz nicht. Sie glaubte auch nicht, dass Henrik selbst es überhaupt wusste. Nie hätte sie zu träumen gewagt, dass Henrik sich an jenen Nachmittag im Kornfeld ebenso erinnerte – nach all den Jahren – wie sie es tat. Nachdem Franz ihr die Nachricht kundgetan hatte, hatte Charlotte nächtelang nicht schlafen können. Stundenlang hatte sie sich ausgemalt, wie es denn sein würde ihn wiederzusehen. Tagelang hatte sie ebendiesem Moment entgegengefiebert. Doch Henrik war nicht gekommen. Wohl nach Afrika, aber nicht zu ihnen ins Haus. Tag um Tag verging. Franz kam heim und erzählte von Aufträgen, die er mit Henrik ausgeführt hatte. Dinge, die Henrik von Zuhause erzählt hatte. Und dass er Henrik jetzt endlich zum Essen einladen würde, wenn die Arbeit mit den Truppen doch nur weniger Zeit rauben würde. Es war schwierig zurzeit und wann immer Franz nach Hause ging, hieß das, dass Henrik dort blieb um die Stellung zu halten. Charlotte bekam also Franz, aber keinen Henrik. Tag für Tag. Woche für Woche. Nach einem Monat hatte sie sich schließlich gezwungen zu vergessen, dass Henrik hier war, nur ein paar Kilometer auf der Basis entfernt. Was änderte es denn? Nichts. Sie war verheiratet. Das waren alles nur Tagträumereien, die sie da anstellte. So hatte sie dann den Kopf fest hin- und hergeschüttelt, um ihre kindlichen Hoffnungen hinaus zu verbannen. So wild und vehement, dass die Magd, die gerade ihre Wäsche machte, sie von der Seite schief angeschaut hatte. Aber es hatte gewirkt. Sie hatte ihn vergessen. Es war nicht länger Herbstsommer, also gab es keinen Grund an ihn erinnert zu werden. Er würde sie während seines Aufenthaltes nicht besuchen in ihrem Haus hier, also gab es keinen Grund auf ihn zu warten.

Es war zwei weitere Wochen später, an einem vollkommen normalen Dienstag, als Franz unter Tage zur Eingangstür hereinkrachte. Es war Nachmittag. Nie kam Franz vor dem Abend heim, wenn er denn heimkam. Charlotte eilte aus ihrem Lesezimmer zum Foyer, besorgt etwas sei geschehen. Was machte Franz denn zu dieser eigentümlichen Zeit im Haus? In ihrer Hand hielt sie noch ihr Buch, aber sie ließ es fallen, als ihre Augen auf den Eingang fielen. Da stand er. Da stand er!

„Henrik ist hier“, sagte Franz fast beiläufig, während er seiner Frau einen Begrüßungskuss auf die Wange gab.

Die stand wie angegossen da. Das konnte sie wohl sehen, dass Henrik hier war. Das war alles was sie sehen konnte. Er sah so anders aus. Er sah aus wie früher. Sein blondes Haar immer noch kurz und gewellt, aber nun streng nach hinten frisiert, wie es all die Heeresleute trugen. Seine Augen immer noch blau und genauso wie früher reserviert und vorsichtig. Das hatte sich nicht geändert. Das Leben hatte ihm nichts geschenkt, früher nicht wie auch heute. Beide standen sie da wie von der Zeit eingefroren, doch Franz schien es nicht zu merken, als er nach den Koffern griff, die hinter seinem Gast standen.

„Henrik bleibt ein paar Wochen, es macht dir doch nichts aus?“ Charlotte verneinte, als sie ihren Blick für eine viel zu lange Sekunde von dem lang verschollenen Mann nehmen musste, um Franz anzusehen.

„In einige unserer Quartiere auf der Basis wurde eingebrochen, alles ist verwüstet. Wir wissen nicht, ob es einer der Stämme oder einer der Feinde war. Die Zeiten werden unruhiger, Charlotte. Vielleicht muss ich bald wieder auf längere Einsätze gehen. Das Gebiet hier verteidigen. Die Heimat verteidigen.“

Sie nickte nur, als Franz die Treppe nach oben verschwand, um die Taschen in Henriks Zimmer zu bringen. Der stand immer noch im Eingang, unbewegt. Er hatte dieselbe Wirkung auf sie wie damals. Er schien so unnahbar und dennoch wie das Einzige, dessen Nähe ihr Herz verlangte. Ihr Körper verlangte. Unwillkürlich trat sie einen Schritt auf ihn zu, nur um dann wieder zu gefrieren. Wieso hatte sie all die Jahre auf seine Präsenz in ihrem Leben verzichtet? Er war der längste, beste Freund ihres Mannes. Franz hielt schon seit sie hier waren einen konsequenten Briefwechsel mit ihm. Warum hatte sie nicht dasselbe getan? Warum hatte sie damals, als sie noch zuhause gewesen waren, nicht öfter seine Nähe gesucht? Hatte ihre Erinnerung an ihn aufgetankt, für all die einsamen, langen Jahre in Afrika? Er war ihrem Mann ein so enger Freund, es wäre nicht verwerflich gewesen, wenn auch sie den Kontakt zu ihm gesucht hätte. Es wäre sogar anständig gewesen. Franz hatte es sogar erwartet, in den Anfangsjahren ihrer Ehe. Aber Charlotte hatte es nicht gewollt. Sie hatte es nicht gekonnt. Sie hatte es gleich zu Beginn beschlossen, am Tag der Hochzeit. Am Tag, an dem Henrik hinter Franz vor dem Altar gestanden war. Franz und Charlotte hatten zuvor in der Hauptstadt gelebt, während Henrik einen unbedeutenden Posten am Land bekleidet hatte. Sie hatte den Freund ihres Mannes nie gesehen, in all den Monaten des Umwerbens. Doch dann, zu ihrer Hochzeit, war er da gestanden. Einfach so. Als ob es sein gutes Recht wäre. Als ob er einfach hinter Franz stehen dürfe, während dieser das Mädchen heiratete, das Henrik selbst damals im Kornfeld geküsst hatte. Als ob er nicht aufschreien hätte müssen, um all das zu verhindern, um Charlottes Hand zu nehmen und mit ihr aus der Kirche zu fliehen. Aber das hatte er nicht getan. Er war nur dagestanden, mit demselben unleserlichen Blick, den er nun hier im Foyer hatte. Charlotte hatte sich schon damals geschworen, dass sie sich nicht mit ihm anfreunden würde können. Schon da am Tag ihrer Eheschließung wusste sie es, denn ihr Herz versprach ihr, dass es sonst nur eine kurze Ehe werden würde. Dass sie Franz nie die Ehefrau sein könnte, die er verdiente, wenn seine Alternative – nein, die einzige richtige Wahl für Charlotte – Teil ihres Lebens sein würde. Und dennoch hatte es nichts genutzt. Jahr um Jahr im Herbstsommer wanderten ihre Gedanken wieder zum Sohn des Kindermädchens der Winterfelds, der im Garten und am Feld half und sich mit den wohlhabenden Erben des Hauses angefreundet hatte. Und nun stand er vor ihr. Nun würde er bei ihr wohnen. Nun würde er ein Teil ihres Lebens sein, ob sie es wollte oder nicht. Sie presste die Lippen aufeinander, als sie beschloss stark zu bleiben. Sie würde ihr Herz verschlossen halten. Ihre Gedanken festbinden, sodass sie nicht aus könnten, um Luftschlösser zu bauen. Es hatte ohnehin keinen Sinn sich immer in ihren Wunschträumen zu verlieren. Henrik konnte sich doch ohnehin nicht mehr an früher erinnern. An die Sommer, die sie gemeinsam bei den Winterfelds verbracht hatten. An die Kornfelder, in denen sie alle verstecken gespielt hatten. An den Kuss, den er sich gestohlen hatte. Man sehe sich nur seine Augen an, so kalt und teilnahmslos. Nein, er konnte sich nicht erinnern.

„Guten Tag“, presste sie schließlich hervor, die Lippen danach wieder schmal zur Linie geformt.

„Guten Tag“, antwortete er, genauso höflich aber abgekappt wie sie.

Eine Weile war es still zwischen den beiden.

„Ein sehr schönes Wetter, hier bei euch in Afrika“, sagte er dann um ein nettes Plaudern am Leben zu erhalten, „Die Sonne immer so strahlend.“

Charlotte nickte unbeeindruckt.

„Mir ist es etwas zu heiß. Und das Licht ist mir etwas zu grell. Ganz anders als zuhause.“

Er schien sich das durch den Kopf gehen zu lassen.

„Ja, ja, sehr heiß“, sagte er dann, „Und das Licht auch sehr ungewohnt. Aber tatsächlich hat es doch etwas von unserer Heimat. Es erinnert mich sehr an die Enden unserer deutschen Sommer, wenn die Bäume schon beginnen sich zu verfärben. Diese ganz besondere Jahreszeit, die nur ein paar Wochen, manchmal nur Tage anhält. Wenn es nicht mehr Sommer, aber auch noch nicht Herbst ist.“

Charlotte blieb die Luft im Hals stecken. Wieso sagte er das? Wieso dachte er an diese Jahreszeit? Sie atmete langsam aus.

„Der Herbstsommer“, meinte sie dann, vorsichtig.

Henrik begann langsam zu nicken und dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Zuerst ganz klein, aber dann wurde es schnell größer, als seine Augen sich in einer Erinnerung verloren. Dachte er an die Heimat? An den Herbstsommer dort? An die wehenden Kornfelder? An die flüchtigen Küsse? Für einen kurzen Augenblick flammte etwas in Charlotte auf. Hoffnung. Hoffnung, dass all ihre Tagträume viel mehr als das waren. Keine Träume, sondern ein Wissen. Ein Wissen darum, dass Henrik genauso empfand wie sie. Auch auf ihrem Gesicht breitete sich nun ein Lachen aus, so breit und hell, wie sie es schon Jahre nicht mehr gelacht hatte. Die Blicke der beiden fingen sich ineinander und es war als erstrahlte nicht das Tageslicht Afrikas den Eingang, sondern ihre eigene glühende, neu entflammte Sonne. Charlotte wollte noch etwas sagen, sichergehen, dass Henrik sich an alles erinnerte so wie sie. Von oben hörte man Franz die Stiegen hinuntergehen.

„Die Herbstsommer“, wiederholte Henrik ihre Worte, „Wie ich diese Tage vermisse. Vor allem die meiner Kindheit. In dieser Zeit schien immer alles möglich. Als ob man sein könnte, wer man will.“

Charlotte versuchte seine Worte zu deuten als ihr hoffendes Herz wie wild pochte, doch da trat Franz schon wieder zwischen sie. Er richtete seine zerknitterte Uniform und auch Henrik schien sich seiner wieder bewusst zu werden. Er strich sich über die Knöpfe seiner Heeresjacke.

„Nun gut, aber die Tage kindlicher Träumereien sind nun vorbei“, sagte er dann entschlossen und wandte sich Franz zu, „Nicht wahr, mein Freund? Wollen wir die Pläne noch einmal durchgehen, bevor ich wieder zur Basis muss?“

Die beiden Männer nickten sich zu und verschwanden dann im Arbeitszimmer nebenan. Und Charlotte stand da. Vor einer Minute noch hatte sie ihr Herz in der Hand gehabt. Hatte es Henrik hingestreckt, als er sich zu erinnern schien. Doch nun lag es blutend am Boden. Wie viele Jahre hatte Charlotte sich den Kopf darüber zerbrochen, ob Henrik immer noch genauso viel von diesen Sommern wusste wie sie? Ob er sich an den Kuss von damals noch erinnerte, so wie sie? Wie schwer war die Ungewissheit auf ihr gelastet? Wie groß war ihr Schmerz gewesen? Doch wie sehr wünschte sie sich nun in diese Unsicherheit zurückzufliehen. Rotes Blut tränkte die Dielen im Foyer. Nun wusste sie, dass er es wusste. Nun wusste sie, dass es ihm egal war. Ihr Herz tat die letzten Schläge, stotterte und erlosch dann vollkommen. Die kindlichen Träumereien sind vorbei, hatte er gesagt. Und das schmerzte mehr als jede Ungewissheit.

 fortsetzung folgt...