Das MOndmädchen

 Teil 2 

 Lesezeit: 10 Minuten 

Gilbert lächelte in sich hinein, weil er das fremde Mädchen überreden hatte können, ihn auf seinem Spaziergang zu begeleiten. Die beiden setzten sich in Bewegung, weg von dem funkelnden Fleckchen unter dem Mond, das die beiden gerade noch in ihrem Bann gehabt hatte. Langsam gingen sie über den vereisten Acker und dann zurück auf einen Feldweg, der in eine Siedlung etwas außerhalb des Dorfes führte.

„Aber halte ich dich nicht von etwas ab? Hast du denn niemanden, der dich zuhause erwartet?“, fragte Aurelia etwas besorgt, „Es ist schließlich Weihnachten.“

Gilbert schüttelte den Kopf und erzählte ihr von seinem kranken Bruder und den Eltern, die bei der Tante waren.

„Wusstest du, dass die Menschen zurzeit sogar versuchen zum Mond zu fliegen?“, wechselte er dann das Thema, hoffend sie zu beeindrucken.

„Tatsächlich?“

Er nickte. Der Lehrer, dem Gilbert zurzeit aushalf, hatte es ihm letztens in der Zeitung gezeigt, wo es sogar am Titelblatt gestanden hatte. Sein Bruder Johann würde den Hof eines Tages übernehmen und Gilbert hatte beschlossen, dass er später einmal unterrichten wollen würde. Er hatte also den Schuldirektor gefragt, ob er ein paar Monate beim Unterricht helfen dürfe und der hatte ihn der Obhut des Lehrers der vierten Klasse unterstellt. Dort würde er nun arbeiten, bis er im nächsten Herbst seine Ausbildung in der Stadt beginnen könnte. Gilbert schwor sich sämtliche Sachbücher der Bibliothek nach Informationen über den Mond zu durchkämmen, wenn die Schulferien wieder vorbeiwären.

„Aber es macht doch Sinn“, sagte Aurelia, nachdem sie sich Gilberts Aussage durch den Kopf gehen hat lassen, „Der Mond ist immer an unserer Seite. Es ist als ob der Mond und die Erde ein Liebespaar wären. Und jeder ist doch auf der Suche nach Liebe – natürlich wollen die Menschen da zum Mond fliegen.“

Beide lachten und ein winterlicher Luftstoß fuhr ihnen in die Nacken, sodass sie unbemerkt näher aneinanderrückten. Mittlerweile gingen sie über eine weiße Straße, die an beiden Seiten von Häusern mit schneebedeckten Dächern gesäumt wurde. Das goldene Licht des Mondes brachte die Schneehauben zum Glitzern und darunter leuchteten die Kerzen der Christbäume aus den Fenstern. Man hörte ein dumpfes Lachen hinter einer der Glasscheiben und Gilbert erkannte den örtlichen Bankdirektor, der seine Enkelin in die Luft warf und wieder fing, in ihren Händen ein Stofftier mit roter Schleife umwickelt. Gilbert schmunzelte, aber ansonsten war nicht viel zu hören oder zu sehen. Seine Füße versanken im Schnee unter ihm immer noch genauso geräuschlos wie davor am Feld. Doch dann konnte er von weitem die Kirchenglocken vernehmen und er glaubte von fern das Singen eines Chors zu erkennen. Stille Nacht, heilige Nacht. Aurelia neben ihm begann die Melodie mitzusummen und der heisere Klang davon legte sich auf Gilberts Gemüt wie ein Schlaflied, machte ihn vollkommen entspannt, aber gleichzeitig verzaubert von der Fremden an seiner Seite.

„Alles schläft, einsam wacht“, murmelte sie im Singsang in sich hinein.

Dann lachte sie und die Blicke der beiden fanden sich.

„Einsam wacht…Tatsächlich“, meinte sie, „Ich komme mir wirklich ein wenig so vor, als wären wir beide die Wächter der Nacht, so allein wie wir uns hier durch den Schnee stehlen.“

Gilbert musste leise in ihr Lachen einsteigen, die dunkelblauen Augen bohrten sich in ihn, als wäre diese schneebedeckte Nacht ein Geheimnis, das sie sich teilten. Zuerst der verliebte Mond und nun eine bewachte Nacht. Die Fantasie dieses Mädchens war wie ein wildes Pferd, das sie nicht zu zähmen vermochte, das ihr ausbüchste und Haken schlug, immer wilder und immer bunter. Ihre herbeisinnierten Aussagen waren ihm nicht nur in ihrem sauberen Klang fremd, sondern auch in ihrem ausschweifenden, träumerischen Inhalt. Noch nie hatte er so ein Mädchen wie Aurelia getroffen. So fremd und doch so einnehmend. So geradlinig und doch so verzaubernd. Gilbert kam nicht umhin sich ein weiteres Mal zu fragen, ob es nicht das Christkind war, das hier neben ihm durch die mondbeschienene Szenerie streifte. Oder war diese Fremde vielleicht nicht das Christkind selbst, sondern sein Geschenk an Gilbert? Er hatte sich schließlich dieses Jahr nichts gewünscht, er wollte sich überraschen lassen. Dann dachte er noch einmal zurück an die Liedzeile, die Aurelia vorhin mit ihrer wunderschönen Stimme in sich hineingemurmelt hatte. Einsam wacht.

„Aber sind wir denn wirklich alleine, wenn wir doch zu zweit hier spazieren?“, warf er ein.

Sie ließ ihre Schulter leicht gegen seine fallen, wie ein Stupser, bevor sie antwortete. Gilbert lockerte seinen Schal ein wenig, als ihm erneut die Hitze aufstieg, doch diesmal nicht etwa von einem Holzofen in einer Küchenstube. Viel mehr von ihrer Berührung, hier in der Eiseskälte der Weihnachtsnacht. Es war egal, dass zwei Mäntel ihre Berührung trennten, Gilbert war es als hätte er vor ihrer Schulter noch nie in seinem Leben davor etwas wirklich gespürt.  

„Wir sind gemeinsam alleine“, sagte sie und lachte erneut ein so luftiges Lachen, dass es Gilbert war als würde sie singen.

Sie kamen am Ende der Siedlung an und ohne viel über ihre Richtung nachzudenken, machten sie sich daran gemächlich einen kleinen Hügel hinauf zu stapfen. Der Schnee hier lag höher als auf den Feldern und Straßen davor und beide kamen langsam voran. Allmählich begannen sie zu schnaufen und hoben ihre Beine mit aller Mühe aus dem Sog des weichen Weiß, einen Schritt weiter, immer einen Schritt nach dem anderen. Aurelia neben ihm rutschte plötzlich aus, versuchte noch sich an seinem Janker zu fangen, doch vergebens. Wie auf erfrorenen Wolken landeten die beiden im frischen Schnee, der hier meterhoch war, Aurelia unter ihm, Gilbert über ihr. Ihre zarten Lippen waren seinen plötzlich ganz nahe und in ihren nachtblauen Augen spiegelten sich all die Sterne am Himmelszelt über ihnen. Der süße Hauch von Aurelias Atem legte sich auf Gilberts Wangen, vernebelte ihm die Sinne und machten ihn hitzig und hungrig.

„Sieh nur“, sagte das Mädchen dann plötzlich und er musste sich zwingen von ihr abzulassen, um ihrem Fingerzeig nach oben zu folgen.

Eine Sternschnuppe bahnte sich dort ihren Weg durch das Himmelszelt, bedächtig und hell, so wie sie hier unten langsam durch den Schneeberg wateten, angestrahlt von dem Mond, dem verliebten Mond über ihnen.

„Wünsch dir was“, hauchte Aurelia und als Gilbert sich ihrem lieblichen Gesicht nur Zentimeter von seinem wieder zuwandte, konnte er an keinen Wunsch denken, der nicht in diesem Moment schon erfüllt wurde.

Er war wie eingefroren über ihr, ob von der Trance, in die die Fremde ihn versetzte, oder von der Kälte des Schnees, der langsam seine Kleidung durchnässte, konnte er nicht sagen. Sie lagen da eine Ewigkeit lang, dann konnte Aurelia die Schneeflocken die sanft auf ihren Wimpern landeten nicht länger wegblinzeln und die beiden standen wieder auf. Stumm setzten sie ihren Weg fort und Gilbert hatte Mühe mit dem Mädchen Schritt zu halten, mit Gedanken immer noch bei ihren Lippen, die seinen gerade eben noch so nah gewesen waren. Wie es wohl wäre, sie zu küssen? Wäre ihr Mund kalt von der Nachtluft, sodass sich ihm alle Haare aufstellen würden, schockgefroren und elektrisiert? Oder wäre ihr Mund warm, so wie ihr Lachen, sodass er in ihrer Berührung schmelzen würde wie die Schneeflocken in ihrem hellen Haar?

Gilbert merkte gar nicht, dass sie sich wenige Minuten später auf der Anhöhe befanden, vor dem Haus der Kaufmanns. Aurelia stellte sich vor den Eingang und legte ihre Hand an die Türklinke.

„Vielen Dank für den Spaziergang. Ich habe mich sehr gut unterhalten.“

Sie lächelte ihn an.

„Frohe Weihnachten“, sagte sie zum Abschied und öffnete die Tür hinter sich.

„Warte!“, rief Gilbert, hoffend sie auch nur noch einen Moment länger hinhalten zu können.

Er stotterte kurz und dann:

„Was hast du dir gewünscht? Von der Sternschnuppe?“

Das unbekannte Mädchen, das ihm in der letzten Stunde erschienen war wie das Einzige, das es sich zu kennen lohnt, schmunzelte.

„Ich habe mir den Mond gewünscht.“

Gilbert lachte und wärmte sich in den letzten Aussagen dieser fantastischen Fremden.

„Was ist das nur mit dir und dem Mond?“

Sie schmunzelte.

„Nun ja, ich frage mich nur.“

„Du fragst dich was?“

Jetzt machte sie einen Schritt ins Haus und lehnte die Tür an, sodass nur mehr ein Spaltbreit offen war und Gilbert in der Dunkelheit der Nacht zurückblieb, als sie weitersprach. Nur das goldene Licht von oben strahlte ihn noch an und brachte seine Augen zum Funkeln, als er ihre Antwort hörte.

„Ich frage mich, wann ich meinen Mond treffen werde. Mein Mond, der dann für immer an meiner Seite bleiben wird.“

 ende 

©2020 Chiara Gerngrosz

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