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Das MOndmädchen

 Teil 1 

 Lesezeit: 10 Minuten 

Ein Mann starrte mit gefalteter Stirn aus dem Fenster. Er hatte weißes Haar und sein alter Rücken murrte, als er sich den Nacken verrenkte, um mehr vom Nachthimmel zu sehen. Das Wohnzimmer in dem er sich befand war dunkel, bis auf die paar Kerzen, die den Christbaum erleuchteten. Er hätte ihn also erkennen müssen, wenn er denn zu sehen gewesen wäre. Noch ein bisschen weiter verrenkte der alte Herr sich, noch ein bisschen näher presste er sein Gesicht an die kalte Scheibe.

„Was tust du denn da?“

Eine Frau war in den Raum gekommen und brachte Holzscheite, mit denen sie den Ofen warmhalten würden. Sie hatte dasselbe hohe Alter wie der Mann, der seinen Blick immer noch nicht von der Nacht nehmen konnte.

„Ich kann ihn nicht sehen“, sagte der griesgrämig über die Melodie von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ hinweg, die im Radio spielte.

„Du kannst was nicht sehen?“

Die Frau kam nun auf ihn zu und setzte sich neben ihn. Sie legte ihre Hand sanft auf seine, solange bis sich sein Blick endlich vom Himmel löste und er sich ihr mit einem Seufzen widmete.

„Den Mond“, meinte er, „Ich kann den Mond nicht sehen.“

Sie lachte ein leises Lachen, das über die Jahre nichts von seinem heiseren und warmen Klang verloren hatte.

„Aber wozu brauchst du denn den Mond?“, fragte sie, „Sieh dich doch lieber hier im Zimmer um. Schau dir doch den Christbaum mit all seinen schönen Kerzen an.“

Sie drückte seine Hand fester.

„Sieh doch, wie schön sie flackern.“

Der Mann ließ ihr ein schnelles Lächeln zukommen, aber dann legte er die Stirn wieder in Falten und sah erneut aus dem Fenster. Es war viel zu neblig draußen, um irgendetwas zu erkennen. Der Himmel war grau, nichts als grau. Keine Sterne, kein Mond.

„Aber der Mond muss doch hier sein“, grummelte er, „Es ist schließlich Weihnachten.“

Die Frau sah ihren Ehegatten an, wie er da so an der Scheibe klebte. Sie wusste wirklich nicht, wozu er den Mond brauchte an diesem Feiertag. Eigentlich war sie diejenige mit der überbordenden Fantasie, immer schon gewesen. Aber manchmal dachte sie bei sich, mit dem Alter, da begann auch ihr Liebster ein bisschen zu spinnen. Was ihr in die Jahre gekommener Geist jedoch vergaß war, dass während sie diejenige mit der bunteren Fantasie war, ihr Mann derjenige mit der besseren Erinnerung war. Und er hatte nicht vergessen, warum der Mond so wichtig war an Weihnachten. Anders als sie, die jetzt aufstand und ihn mit sich zog.

„Es ist Zeit für die Geschenke“, meinte sie und gab ihm einen Kuss, „Komm, Gilbert.“

 

1955

Gilbert legte einen Holzscheit in den Ofen nach und schloss die Eisentür. Seine Wangen waren gerötet von der Hitze des Feuers, das ihm gerade noch entgegengelodert hatte. Er pflückte sich das Leinenhemd von der Brust, sodass etwas kühle Luft seinen warmen Körper entspannen könnte. Er hatte die letzten zwei Stunden damit zugebracht die Tiere im Stall zu füttern und längst schon war es dunkel geworden. Gilbert sah aus dem Fenster, hinaus in den Garten und darüber hinweg auf die Straßen des Dorfes. Die Nachbarhäuser waren nicht nah, aber er konnte in der Dunkelheit dennoch ihre erhellten Wohnzimmer sehen. Er stellte sich die leuchtenden Kinderaugen darin vor. Es war Weihnachten. Auch seine Eltern würden jetzt gerade bei der Übergabe der Geschenke sein und kurz danach würden sie in die Kirche gehen. Dieses Jahr feierten sie im Haus ihrer Tante, aber Gilbert war nicht mitgekommen. Sein älterer Bruder – Johann, der später auch die familieneigene Wirtschaft übernehmen würde – hatte sich erkältet und jemand hatte hier bleiben sollen, um sich um ihn zu kümmern und ihm seine Medizin zu verabreichen. Gilbert ließ seinen Blick von den fremden Familienfeiern schweifen und lächelte stumm, als er sah, dass sein Bruder auf der Küchenbank eingeschlafen war. Hier in der Stube war es schön warm und Johann würde nun getrost ein paar Stunden lang im Traumland sein. Gilbert dagegen konnte die stehende Hitze nicht länger ertragen, er ging in den Vorraum und warf sich einen Schal, eine Kappe und seinen dunklen Janker über. Wenig später fiel die Tür ins Schloss und er machte sich seinen Weg hinunter vom Bauernhof und hinein in die Weiden, die sich dahinter erstreckten. Die kalte Nachtluft biss sich augenblicklich an seinem eben noch schweißgebadeten Gesicht fest und Gilbert fröstelte genüsslich, froh über die Abkühlung nach seinem langen Nachmittag. Es dauerte eine Weile, bis er in der Dunkelheit klar sehen konnte, doch bald schon erblickten seine Augen nichts außer die familieneigenen Äcker und den Wald, der sich dahinter aufbäumte. Alles war in ein ruhiges Weiß gehüllt, lag schlafend vor ihm und Gilbert verlangsamte seinen Schritt, wie um die Natur in ihrem Winterschlaf nicht zu stören. Eine Weile lief er so dahin, bis er plötzlich einhielt. Da stand ein Mädchen auf seinem Feld. Da stand ein Mädchen auf seinem Feld, die Füße verschwunden in der frischen Schneehaube, so selbstverständlich und ruhig als wäre sie Ernte, die aus dem Acker gewachsen war. Und wohin blickte sie denn da? Gilbert folgte ihren Augen, sie hatte das Haupt erhoben und starrte gen Nachthimmel. Langsam stapfte er weiter auf seinem Spazierweg, während er sich die Kappe tiefer ins Gesicht zog. Der Schnee hatte wieder begonnen zu fallen und Schneeflocken setzten sich neckisch auf sein Gesicht. Stille lag über dem Feld auf dem Gilbert sich seinen Weg machte, es war so leise, dass man sich einbilden könnte das Fallen der Flocken zu hören. Gilbert vernahm nicht einmal seine eigenen Schritte, so frisch war der hohe Schnee, einzig seinen Atem hörte er aus der Nase strömen. Jetzt, wo er dem Mädchen näherkam, konnte er sie genauer erkennen. Sie stand da immer noch regungslos, in einem braunen langen Rock und einem abgetragenen Mantel, dessen Hellblau durch die Nacht leuchtete. Auf ihrem Kopf saß eine Mütze in derselben Farbe und darunter strömten helle Haare hervor, fast wie ein Wasserfall der seinen Weg ihren Rücken hinunter machte. Gilbert schluckte. Sie sah aus wie ein Engel, wie der Mond sie da so anschien. Ihr Anblick in dieser stummen Nacht, der Schnee der bedächtig auf sie niederrieselte und das goldene Licht, das sie sanft erleuchtete, ließen Gilbert sich kurz fühlen, als ob er in einem Weihnachtsmärchen war. Als ob es das Christkind wäre, das da vor ihm stand. Ein paar weitere Meter legte er zurück, wie in Trance den Blick auf diese wunderschöne Gestalt gelegt. Noch ein paar Schritte und dann langsam glaubte er sie zu erkennen. Sie war doch das neue Kindermädchen der reichen Familie Kaufmann, die auf der Anhöhe im Dorf wohnte. Er glaubte sie schon ab und an mit den drei Kaufmann-Kindern beim Bäcker gesehen zu haben und waren nicht auch sie es gewesen, die mit ihren Schlitten an Gilbert vorbeigerauscht waren, als er vor ein paar Tagen einen Baum aus dem Wald gezerrt hatte? Es war eine große Tanne gewesen, von der seine Tante ihm aufgetragen hatte sie zu holen, damit sie ihn als Christbaum schmücken könnte. Im Dorf erzählte man sich, die Kaufmanns hätten sich ein Mädchen aus der Stadt geholt, weil sie wollten, dass ihre Kinder die feine, geradlinige Aussprache der Hauptstädter erlernten. Man erzählte sich auch, dass Herr Kaufmann zu einem Snob verkommen war, seit er so viel geerbt hatte. Gilbert kam ihr langsam näher und der weiche Schnee, der den Acker wie eine Decke umhüllte, schluckte alle seine Schritte. Er räusperte sich laut, sodass sie nicht überrascht würde, wenn er jetzt plötzlich neben ihr zum Stehen kam. Er sah wie sie leicht erschrak – ihre Schultern zuckten kurz – aber dann wandte sie sich weg, von was auch immer sie in den Bann gezogen hatte, und drehte sich zu ihm.

„Oh, Guten Abend“, sagte sie.

Sie starrte ihn eine Weile länger an, bis ihre vom Mondlicht geblendeten Augen ihn erkennen konnten.

„Gilbert, richtig?“

Kurz war er stutzig, als er ihren eigentümlichen Akzent hörte. Statt der weichen melodischen Aussprache, die er hier im Dorf gewohnt war, sprach sie klar und sauber. Wie eine Städterin eben. Aber ihre Art zu Reden wirkte nicht befremdlich auf ihn, viel mehr zog sie Gilbert an, viel mehr wollte er noch mehr von ihr hören. Er fing sich wieder und streckte ihr die Hand hin.

„Genau“, sagte er.

Er konnte sich nicht erklären woher sie seinen Namen kannte. Es war ein kleines Dorf, aber das fremde Mädchen hatte es bis jetzt noch nicht gewagt sich auf den Feiern oder beim Dorfwirten blicken zu lassen und Bekanntschaften zu schließen.

„Ich bin Aurelia“, stellte sie sich von selbst vor, bevor Gilbert nachfragen musste.

Ihre Hand war zart in seiner und kühl, wie eine weitere der unzähligen Schneeflocken, die sie beide umtanzten.

„Du bist das neue Kindermädchen der Kaufmanns, nicht?“, fragte er, als sich ihre Hände schließlich wieder trennten.

Sie nickte. Er hatte gehört, dass die Kaufmanns über Weihnachten entfernte Verwandte besuchen wollten und anscheinend war dabei kein Platz für das Mädchen ihm gegenüber gewesen.

„Was führt dich hinaus in die Kälte heute Abend?“

Gilbert wollte ihre Stimme noch einmal hören, wollte sehen wie ihr Mund die Worte formte, die dieselbe Sprache waren die er sprach, aber so fremd schienen wie ein lang vergessener Traum.

„Ach“, Aurelia zuckte die Schultern, „Ich mache nur einen kleinen Spaziergang. Ich habe etwas Unterhaltung gebraucht.“

Gilbert konnte sich das viel zu große Haus der Kaufmanns vorstellen, das nun leer sein würde. Viel zu leer für den allerheiligsten aller Feiertage, der heute gefeiert wurde.

„Friert dich denn nicht?“, fragte Gilbert, der selbst begann seine Hände aneinander zu reiben, um sie vor der Winterkälte zu schützen.

Sie lächelte ihn an, dann schüttelte sie ganz sanft den Kopf.

„Nein“, hauchte sie und dann folgte ein heiseres Lachen, „Daran habe ich gar nicht gedacht, um ehrlich zu sein.“

Sie zeigte hinauf zu den Sternen.

„Ich war abgelenkt.“

Aurelia schmunzelte und Gilberts Blick fing sich an ihren zarten Lippen und dann in ihren dunkelblauen Augen, die dieselbe Farbe hatten wie der nachtkalte Himmel. Er hatte Müh und Not sich von ihrem Anblick loszureißen, doch dann folgte er ihrem Blick, der sich im Sternenzelt verlor. 

„Was siehst du denn da oben?“, fragte er.

„Den Mond“, flüsterte sie als Antwort, als ob sie das Himmelsgestirn verschrecken könnte, wenn sie zu laut sprechen würde, „Ich habe mir den Mond angeschaut.“

Er war groß und rund heute und sein goldgelbes Licht flutete die erstarrte und erfrorene Landschaft, sodass der Schnee glitzerte wo immer der Mond ihn berührte. Und so standen die beiden dann da, Gilberts Blick in Rotation zwischen dem Himmel, dem Schnee und der Fremden, während Aurelia erneut wie festgefroren mit erhobenen Haupt nach oben starrte.

„Oh“, sagte sie nach einer Weile und ihr leises Lachen hüpfte durch die Nachtluft und traf auf Gilberts Ohren, als wäre es eine glockenhelle Melodie, „Jetzt habe ich mich schon wieder in seinem Anblick verloren.“

Ihre nachtblauen Augen lösten sich endlich von der Aussicht und sahen stattdessen erneut zu Gilbert.

„Entschuldige bitte, es ist nur...ich finde ihn so faszinierend.“  

Ihre Lippen legten sich delikat um ihre geradlinigen Worte und Gilbert machte unbewusst einen Schritt auf das Mädchen zu.

„Den Mond?“, fragte er abwesend, bevor er sich wieder fing.

Natürlich sprach sie vom Mond, wovon sonst sollte sie reden. Von ihm?

„Ja“, Aurelia nickte aufgeregt, „Ich habe mit Rebecca–“

Sie stoppte kurz:

„Rebecca ist das kleine Kaufmannmädchen.“

Gilbert nickte wissend und sie setzte fort.

„Also, ich habe mit Rebecca ein Buch über die Sterne und die Planeten gelesen. Und über den Mond. Und da habe ich erfahren, dass es den Mond nicht schon immer gab. Also nicht schon so lang, wie es unsere Erde gibt.“

Ihr Blick wurde ganz groß und leuchtend, als sie erzählte und Gilbert musste unwillkürlich zu lächeln beginnen.

„Wusstest du das?“, fragte sie und noch bevor er verneinen konnte, sprach sie weiter.

„Also, es gab einmal einen Meteoriteneinschlag auf unserer Erde und ein Teil des Gesteins wurde zurück in den Weltraum geschleudert und da war er dann – der Mond. Es hat eine Weile gedauert bis er zu uns gestoßen ist, aber seitdem ist er der Erde nicht mehr von der Seite gerückt.“

Verträumt blickte sie erneut gen Himmel und Gilbert musterte sie verstohlen. Die weißen Schneeflocken hatten sich in ihrem aschblonden Haar gefangen und glitzerten neckisch, als ob sie Gilbert näherlocken wollten. Aurelia lachte unsicher.

„Aber genug von meinen Spinnereien“, meinte sie dann, als es ihr wohl unangenehm wurde einem Fremden damit in den Ohren gelegen zu haben, „Ich sollte besser nach Hause gehen, es wird spät.“

„Nein!“, rief Gilbert aus, noch bevor er es sich anders überlegen konnte.

Sie sah ihn überrascht an, ihre sanften Lippen erstaunt geweitet und kurz vergaß er was er sagen wollte. Er stotterte ein paar Sekunden und dann:

„Begleite mich doch auf meinem Spaziergang, wenn du möchtest. Du meintest doch du brauchst Unterhaltung.“

Ein zurückhaltendes Lächeln breitete sich auf dem hellen Gesicht des Mädchens aus, dann nickte sie entschlossen.

„Ja. Gerne.“

 fortsetzung folgt...